Translatorisches Handeln und Wissenschaftstheorie
Um die Tätigkeit des Übersetzers, dem „zweitältesten Gewerbe der Welt“ (vgl. Keil 1986), auch wissenschaftlich näher kommen zu können, wollen wir diese noch relativ junge Disziplin der Übersetzungswissenschaft nach wissenschaftstheoretischen Kriterien beleuchten.
Wissenschaft allgemein beschäftigt sich mit der
Erforschung theoretischer Zusammenhänge und allgemeiner Gesetzmäßigkeiten. Die
Wissenschaftstheorie dagegen, analog zur analytischen Philosophie, ist eine
Hilfswissenschaft, von der erwartet wird, dass sie Hinweise gibt, wie ein
Erkenntnisziel in einem Bereich effizienter erreicht werden kann. So wird unter
Wissenschaft jenes
menschliche Handeln
verstanden, das auf die Herstellung von Aussagen abzielt, die jenen Aussagen
überlegen sind, die schon anhand der Denkmittel
des gesunden Menschenverstandes formuliert werden
können.
An wissenschaftliche Aussagen werden auch
bestimmte Kriterien gebunden. Sie müssen sich mit jenen Sachverhalten, auf die
sie sich beziehen (empirischer Referent), übereinstimmen (empirischer
Wahrheitsgehalt); sie müssen nach den Regeln einer angebbaren Logik richtig sein
(logische Konsistenz). Wissenschaft besteht in der Formulierung und logischen
Klärung von Aussagegefügen
sowie in der Einholung, Verarbeitung und
Interpretation jener Informationen, die zur Überprüfung des empirischen
Wahrheitsgehalts von
Aussagen über Sachverhalte aller Art nötig sind. Dies trifft insbesondere auf
die empirische Wissenschaft
zu, zu der wir auch die Sprach-, Übersetzungs-
bzw. Dolmetschwissenschaft rechnen wollen.
Von einer wissenschaftstheoretischer Betrachtung
nun erwarten wir uns dreierlei: es müssen
Regeln formuliert werden, deren Befolgung die Wahrscheinlichkeit steigert,
logisch und /oder empirisch falsche Aussagen von solchen Aussagen zu
unterscheiden, die logisch konsistent sind und mit ihren Referenten
übereinstimmen. Weiterhin sind die Eigenschaften von Begriffen, von aus
Begriffen aufgebauten Aussagen sowie von Aussagegefügen - und hier meinen wir
Theorien - zu klären. Auch sind die geistigen, materiellen und
gesellschaftlichen Bedingungen der Möglichkeit der Herstellung logisch wie
empirisch wahrer Aussagen ausfindig zu machen.
Die Regeln der Wissenschaft sorgen für
reflektierte, ihrer Konsequenzen bewusste, kontrollierte Perspektivität und
Selektivität, sie sollen Klarheit darüber stiften, inwieweit die an
Wirklichkeitsausschnitten erarbeiteten Aussagen zu verallgemeinern sind. Dennoch
gibt es keine absolut richtigen oder objektiv wahren Aussagen, da der
Wissenschaftsprozess
als menschlicher Produktionsprozess verstanden werden muss und ebenso fehlerhaft
und störanfällig ist wie jedes andere menschliche Unterfangen.
Aufgabe der Wissenschaftstheorie
ist es demnach, Verfahrensregeln
zu formulieren, um Forschungsaufgaben
bewältigen zu können. Wir können hier vier Aufgaben anführen: Schließung von
Wissenslücken, Überprüfung von Aussagen aller Art, Erarbeitung von Werturteilen
und Erstellung von Handlungsanweisungen.
Die ersten beiden lassen sich unter den
Begriff der empirischen Forschung, die beiden letzten unter den Begriff der
normativen Forschung subsumieren. Verknüpft man Aussagen zu mehr oder minder
komplexen Aussagegefügen, so entstehen Theorien. Aussagegefüge, die Werturteile
und Handlungsanweisungen ergeben und begründen, heißen normative Theorien.
Erkenntnis über eine Situation, über Dinge,
Verhalten, soziale Situationen oder gar über eine Wissenschaft
ist implizit definiert durch die
Leistungsfähigkeit der angewandten Wissenschaft,
hier also der
Übersetzungswissenschaft und ihrer Denk- und Verfahrensweisen. Wir wollen aber
die Frage nach den Bedingungen möglicher Erkenntnis,
die sinnvoll nur in der Form einer methodologischen Frage
nach den Regeln des Aufbaus und der Überprüfung wissenschaftlicher Theorien
gestellt werden kann, hier und in
diesem Kontext nicht weiter verfolgen, da eigentlich zuerst die Frage gestellt
werden müsste, ob der Begriff Übersetzungswissenschaft
denn überhaupt zu Recht sein „Suffix“
verwenden sollte.
Historisch gesehen setzte die
Verwissenschaftlichung
des Übersetzens und Dolmetschens, also des
translatorischen Handelns,
erst nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Aus der
Notwendigkeit einer Systematisierung
und Rentabilisierung
heraus entstanden Übersetzerschulen
und -studiengänge, so an den deutschen
Universitäten Heidelberg, Mainz-Germersheim, Saarbrücken. Dem Bedürfnis nach
Austausch und Weiterbildung
tragen Übersetzerakademien
(Straelen, Arles) Rechnung, dem nach
ökonomischer und sozialer Anerkennung
der Übersetzer die Schaffung von Berufsverbänden
(BDÜ: Bundesverband Deutscher Übersetzer
VdÜ:
Verband deutschsprachiger Übersetzer
literarischer und
wissenschaftlicher Werke). Dennoch: Auch heute ist die Berufsbezeichnung
„Übersetzer“ noch nicht geschützt.
Nach Keil (vgl. Brockhaus, Band 22, 1993: 542) beschäftigt sich die moderne Übersetzungswissenschaft, auch Translatologie (wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Übersetzen und Dolmetschen) oder Translatorik (theoriegestützte Tätigkeit des Übersetzens und Dolmetschens) genannt, mit humaner und maschineller bzw. maschinengestützter Übersetzung.
Während die Übersetzungstheorie oder allgemeine Übersetzungswissenschaft die grundsätzliche Problematik des Übersetzens behandelt, erarbeitet die sprachenpaarbezogene Übersetzungswissenschaft systematische Übersetzungseinheiten und potentielle Übersetzungsäquivalente im kontrastiven Vergleich von Ziel- und Ausgangssprache.
Die textbezogene Übersetzungswissenschaft stellt demgegenüber die Methodik für eine übersetzungsrelevante Textanalyse (vgl. Nord 1995) und Textsortenklassifikation (vgl. Reiß 1993) bereit.
Die prozessorientierte Übersetzungswissenschaft analysiert die mentalen Abläufe beim Vorgang des Übersetzens und Dolmetschens.
Die Übersetzungskritik bemüht sich um die Objektivierbarkeit von Bewertungskriterien.
Keil sieht das Fernziel der angewandten (normativen) Übersetzungswissenschaft in der Erstellung von Wörterbüchern.
Die Didaktik des Übersetzens greift auf all diese Teildisziplinen zurück.
Eine systematische Auflistung aller publizierten
Übersetzungen wird seit 1932 vom Index Translationum, seit 1949 im
Auftrag der UNESCO, geleistet.
Die Übersetzungs- inklusive der
Dolmetschwissenschaft (vgl. Kalina 1998) kennzeichnet sich demnach als junges
Forschungsgebiet, dessen Anfänge ca. 40 Jahre zurückliegen. Ihre Bedeutung für
den praktischen Beruf gewinnt sie dadurch, dass sie allgemeine Prinzipien
erforscht, nach denen der Übersetzungs- und Dolmetschprozess abläuft und dabei
grundsätzliche Fragen wie beispielsweise die Funktion des Übersetzers bzw.
Dolmetschers im Spannungsfeld zwischen Verfasser/ Sprecher, Zielgruppe und
Auftraggeber diskutiert. So in einem Memorandum des Koordinierungsausschusses „Praxis
und Lehre “, das 1998 vom Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer
herausgegeben wurde. In ihm wird weiterhin der Gegenstand dieser Wissenschaft
charakterisiert mit:
1. der Analyse von Kommunikationsprozessen
2. der Verbesserung des Verständnisses der speziell beim Übersetzen und Dolmetschen ablaufenden Prozesse;
3. der Schulung der Fähigkeit, die eigene
Übersetzungs- bzw. Dolmetschtätigkeit methodisch zu reflektieren und durch eine
Recherche zu optimieren;
4. der Entwicklung von Kriterien zur Beurteilung der Qualität von Übersetzungs- bzw. Dolmetschleistungen;
5. der Forschung im Bereich der Didaktik des Dolmetschens und Übersetzens.
Helmuth Sagawe
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